In Berlin hat mein Sohn Handball gespielt. In der Provinz gibt’s nur Fußball.

Jungs wollen Helden sein

Alle anderen Sportarten sind schlecht zu erreichen. Soll heißen: Ich als Mutter müsste Chauffeurdienste leisten, teils über weite Strecken. Doch nicht daran scheiterte mein Vorhaben, Sohnemann wieder zum Handballtraining zu schicken. Schuld war sein Freundeskreis: Bis auf einen Kumpel* spielen alle Fußball.

Schuld waren weiterhin die Medien: Nur Fußballer sind Helden. Alle anderen Sportler sind eben nur Sportler.

Ich kann Fußball nicht leiden. Jetzt, wo mein Sohn Fußball spielt, schaue ich mir seine Spiele natürlich trotzdem an. Obwohl ihm die Leidenschaft fehlt, macht er sich gut als Torwart. Dank seiner Freunde hat er sogar Spaß.

Unten durch beim Trainer

Sein Trainer kann mich nicht leiden. Ich vergesse nämlich öfter die Trainings, ja, auch die Punktspiele, die fast jedes Wochenende stattfinden. Warum denkt Sohnemann auch nicht selbst daran?

Sein Trainer hält mich für eine absolute Vollkatastrophe. Er glaubt, dass ich am Wochenende immer verschlafe und den armen Jungen deshalb zu spät oder gar nicht zu seinen Spielen fahre. Das stimmt aber nicht. Ich gehöre zu den Frühaufstehern. Fußball hat in meiner Gedankenwelt schlicht keinen Platz. Da lässt sich nichts machen, denn ich verbitte mir, in die bekloppte Fußballer-Whatsapp-Gruppe aufgenommen zu werden.

Die Blicke der anderen Muttis sprechen Bände: Offenbar laufe ich mittlerweile bei 90% der Eltern unter dem Label Vollpfosten. Obwohl mir das Urteil der meisten von ihnen egal ist, fühle ich mich daher ein wenig unwohl ihrer Gegenwart.

Auch weil ich nun immer wieder mit dämlichen Kommentaren konfrontiert werde.

Gestern zum Beispiel habe ich meinen Sohn zum Freundschaftsspiel in die Nachbarstadt gefahren – und wollte mit ungewohnter Pünktlichkeit glänzen. Dabei bin ich bei – sagen wir – Tieforange über eine Baustellenampel gefahren. Dummerweise befand sich im Auto hinter mir der Trainer.

Der musste stehengeblieben und das hat ihn gewurmt. So sehr gewurmt, dass er mich doch glatt vorm Fußballspiel anflaumte. Mecker-mecker-mecker. Sein Gemecker bezog sich vor allem darauf, dass ich in der vor der Baustelle liegenden 30er-Zone 30 gefahren bin, und nicht „wie jeder normale Mensch“ 50km/h. Damit habe ich den Verkehr aufgehalten. Als ich mich daraufhin zur Wehr setzte, meinte er, das sei doch nur Spaß gewesen.

Zu blöd, um Ironie zu verstehen

In der Provinz wird dir klar: Wenn Erwachsene mit Erwachsenen schimpfen, läuft das unter dem Etikett „Ironie“. Allerdings verstehe ich diese Form der Ironie immer erst dann, wenn am Ende der Litanei der Satz „War doch nur’n Spaß“ fällt.

Das lässt den Meckerer wohl humorvoll erscheinen, auch wenn sein Ton aggressiv ist und seine Körpersprache herablassend. Vor allem kann er sich dann sicher sein, dass man sein Gemecker hinnimmt, ohne zum Gegenschlag auszuholen. Denn warum sollte man sich gegen einen Scherz wehren? Haha.

Mit „War doch nur’n Spaß“ wird jede Diskussion abgewürgt. Nicht dass man mit einem Trainer diskutieren könnte. Der ist sowieso unantastbar. Zumindest in der Provinz.

Die Jungs verlieren übrigens seit einem Dreivierteljahr jedes Spiel, meistens im zweistelligen Bereich. Gestern, als ich pünktlich war: 1:13. Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass der Trainer eine absolute Vollkatastrophe als Trainer ist. Doch der schiebt es auf die Mannschaft – und die Gegner (die sind wahlweise älter oder physisch überlegen). Die Muttis schlucken’s.

Und ich hab mir vorgenommen, mich nicht aufzuregen, solange mein Junge Spaß hat.

Die Berliner Handballtrainer waren übrigens stets freundlich, aber distanziert. Wir sind nur ins Gespräch gekommen, wenn Klärungsbedarf bestand, also etwas Konkretes besprochen werden musste. Das wiederum bezog sich immer aufs Handballerische und ging nie darüber hinaus.

LG
eure Miss Minze


*Der eine Nicht-Fußballer angelt lieber zusammen mit seinem Opa. Nicht privat, sondern im Verein. Natürlich.

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