Warum sind sie nur so voller Hass, diese Ossis? Diese Frage war der Aufmacher der gestrigen Tagesspiegelausgabe. Drinnen ein zweiseitiger Artikel über die Befindlichkeiten ostdeutscher Seelen. Hach ja.

Ich lese den Tagesspiegel gern, abonniere ihn sogar, weil ich das Gefühl habe, dass die Berichterstattung wirklich neutral und informativ ist. Aber den Beitrag gestern hätten sie sich auch schenken können.

Da wird eine Jounalistin losgeschickt, den Osten zu erkunden. Nebenbei bemerkt, ist sie selbst Ostdeutsche, aber eine, die es geschafft hat – bis nach Berlin. Sie geht zurück in ihre alte Heimat, irgendwelche 100-Seelen-Dörfer in den hintersten Winkeln der Ostzone, wo sie ärmlich gekleidete Gestalten über die Straßen huschen sieht, ihnen hinterherjagt, um ihnen Interviews abzuverlangen, die die ganze Härte des ostdeutschen Alltags widerspiegeln sollen.

Ein Alltag, der aus Gängen zur Suppenküche und Ausfüllen von Hartz-IV-Anträgen besteht. Ein Schauder läuft dem Leser über den Rücken. Mein Gott, so trist und arm, so abgehängt ist Ostdeutschland! Bis einem bewusst wird: Oh, ich wohne ja selbst hier – im ach so braunen Brandenburg. So richtig wiedererkannt habe ich meine Heimat allerdings nicht.

Ich möchte nichts beschönigen. Solche ärmlichen Käffer gibt’s zur Genüge, aber es gibt ebenso viele Gemeinden, die florieren, Städte, in denen es den Leuten finanziell richtig gut geht. Und trotzdem wird die AfD gewählt. Die offenkundige Abneigung gegen alles Fremde lässt sich also kaum damit erklären, dass die Leute arm sind – und Flüchtlinge als Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt fürchten. Nein, fremdenfeindlich waren die Ossis schon lange bevor in Syrien der Krieg ausbrach.

Fremdenfeindlich und furchtbar unglücklich. Zumindest in meiner Geburtsstadt Dessau, Sachsen-Anhalt. Die Bauhaus-Stadt belegte schon in den 90ern jedes Jahr Platz 1 im Ranking der deutschen Städte, in denen die Leute am wenigsten glücklich sind. Vielleicht hätte man sich damals schon fragen sollen: Warum eigentlich?

Leider habe ich nicht Psychologie studiert. Trotzdem maße ich mir mal eine Vermutung an: Die Dessauer waren einfach bitter enttäuscht. Sie hatten die Wende gewollt, sich dafür eingesetzt, sind für Freiheit und Demokratie auf die Straße gegangen. Sie träumten von einem besseren Leben. Was kam, waren bekanntlich Arbeitslosigkeit und Verwirrung angesichts des Systemwechsels. Wer keinen Job hat, der hat auch kein Geld. Und wer kein Geld hat, ist in dieser Gesellschaft auch nicht wirklich frei.

Stattdessen entstehen neue Abhängigkeiten: vom Jobcenter, von ausbeuterischen Arbeitgebern, ja selbst das Glück wird vom Geld abhängig gemacht. Hinzu kommt die nicht enden wollende Demütigung. Der Osten schafft’s nicht allein, muss immerfort finanziell unterstützt werden. Westdeutsche regen sich über den Soli auf. Die Löhne bleiben niedriger als im Westen, die Renten auch. Fremdenfeindliche Vorfälle haben zur Folge, dass alle Ossis als verhaltensgestört gebrandmarkt werden. Sie beschmutzen unser Ansehen in der Welt. Potentielle Investoren werden abgeschreckt… Bedenken, die immer wieder geäußert werden. Die positive Berichterstattung bleibt aus. Gewertschätzt fühlt sich im Osten keiner, egal ob arm oder reich. Im Gegenteil, man hat hier ständig das Gefühl, ein Problem zu sein, an dessen Lösung sich stets Nicht-Ossis die Zähne ausbeißen.

Momentan sind wir also das „Sie-sind-so-voller-Hass-Problem“, zuvor waren wir nur das  „Sie-fühlen-sich-abgehängt-Problem“. Es wird immer viel über uns debattiert. Über unser Versagen.

Das erklärt allerdings noch nicht den Hass, der vielen hier innewohnt. Wobei Hass ein sehr starkes Wort ist. Daher würde ich eher den von Nietzsche geprägten Begriff „Ressentiment“ wählen: auf Vorurteilen, einem Gefühl der Unterlegenheit, Neid o. Ä. beruhende gefühlsmäßige, oft unbewusste Abneigung.

Weshalb die Ressentiments gerade unter Ostdeutschen so stark ausgeprägt sind, geht meiner Meinung nach auf die o.g. Enttäuschungen und Demütigungen zurück. Genau erklären kann ich es allerdings nicht. Ich musste mich erst durch ein Buch quälen, das von einem Inder verfasst wurde und sich generell mit dem Hass auf der Welt beschäftigt: „Das Zeitalter des Zorns“ von Pankaj Mishra.

Darin befasst sich der Autor natürlich nicht spezifisch mit Ostdeutschland, im Gegenteil: Er bezieht sich fast im gesamten Buch auf die Vergangenheit – die Geschichte Europas. Trotzdem passen seine Ausführungen in meinen Augen hervorragend zu den gegenwärtigen Befindlichkeiten ostdeutscher Seelen. So zitiert Mishra immer wieder Rousseau, der deutschen Intellektuellen aus der Seele sprach:

[…] in alledem antizipierte Rousseau den modernen Außenseiter mit seinem ausgeprägten Gefühl, Opfer zu sein, und seiner Forderung nach Wiedergutmachung. […] Auf seinem Weg von der Opferrolle zu moralischer Überlegenheit vollführte Rousseau eine Dialektik des Ressentiments, die in unserer Zeit allgegenwärtig geworden ist. […] Vor dem Hintergrund des aktuellen, nahezu universellen politischen Zorns scheint es, als habe dieser „größte und streitbarste Hinterwäldler der Geschichte“ besser als irgendjemand sonst den aufrührerischen Reiz verstanden und verkörpert, den die Opferrolle in Gesellschaften bietet, die auf dem Streben nach Reichtum und Macht basieren.

Der Ossi als Opfer oder zumindest als „Wendeverlierer“ – das ist natürlich provokant, könnte jedoch durchaus auf das Selbstverständnis einiger meiner Mitbürger zutreffen. Zwar ist die Wende schon eine ganze Weile her, doch sie hat Spuren hinterlassen, vor allem bei jenen jungen Menschen, die immer noch keine Perspektive zu haben glauben:

Diese überaus zahlreichen Angehörigen des „Prekariats“ wissen, dass Chancengleichheit ihnen verwehrt bleibt. Sie haben den früher meist nur bei paranoiden Verschwörungstheoretikern anzutreffenden Verdacht, dass ihre politische Elite die Freiheit nicht mehr beschützt, sondern deren Feind geworden ist. […] Das Ausbleiben jeglicher überzeugender Antworten seitens der Elite verleiht diesen Ängsten noch größere Plausibilität.

[…]

Die Attraktivität der Demagogen liegt in ihrer Fähigkeit, allgemeine Unzufriedenheit, das Gefühl, dass die Dinge entgleiten, Ressentiments, Enttäuschung und wirtschaftliche Unsicherheit aufzugreifen und in einen Plan umzuwandeln, etwas zu tun. Sie lassen Nichtstun als moralisch entwürdigend erscheinen. Und viele junge Männer und Frauen greifen begierig diese Möglichkeit auf, ihre Ohnmacht in eine unbezähmbare Wut umzumünzen, die nur noch verletzen und zerstören will.

Damit besteht also ein Zusammenhang zwischen anfänglicher Unzufriedenheit und späterem Extremismus.

Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit sind jedoch nicht ausschließlich bei Menschen anzutreffen, die zur Unterschicht gehören. Man findet sie leider in jeder Einkommensklasse. Die Angst und das Misstrauen gegenüber allem Fremden ist allgegenwärtig. Die Menschen legen ihre Ressentiments auch dann nicht ab, wenn sie „satt und zufrieden“ sind. Am Geld allein kann es also nicht liegen. Einmal Opfer, immer Opfer?

Für dieses Problem hält Mishra in seinem Buch keine Lösung bereit. Dafür ein anderer Gelehrter, Carlo Strenger. Der Professor für Psychologie hat in seinem Buch „Abenteuer Freiheit“ Argumente zusammengetragen, weshalb es sich auch weiterhin lohnt, für Demokratie und Freiheit zu kämpfen. Er schreibt aber auch, dass es für keinen von uns ein Recht auf Glück gibt.

Auch nicht für unzufriedene Ostdeutsche.


Pankaj Mishra: „Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart.“ Aus dem Englischen von Laura Su Bischoff und Michael Bischoff. S. Fischer Verlage. 416 Seiten.

MM