Wie Kinderbücher Seelenqualen bei Eltern auslösen

„Blue? Blue, was machst du hier?“
Vanilla, das zartgelbe kleine Einhorn, schnaubte. Mit ihrer Schwester Rosie war sie an jede Stelle von Glimmerland galoppiert. Überall hatten sie Blue gesucht. Überall auf ihrer farbenfrohen, zauberhaften Insel. Bis sie ihren Bruder endlich am höchsten Punkt entdeckt hatten. […]
Weit, weit entfernt, hinter dem Horizont und am Ende des Regenbogens, erstreckte sich das Einhornparadies, die Welt der drei kleinen Einhörner und vieler anderer wundersamer Geschöpfe. Die Geschwister Vanilla und Rosie und ihr Bruder Blue jedoch waren die wichtigsten. Sie kümmerten sich um alle Wesen hier, ob groß oder klein. Sie sorgten dafür, dass das Einhornparadies der wunderbarste Ort der Welt war.

Anna Blum: Der Zauberwunsch

Abends lese ich meiner Tochter immer etwas vor. Meistens entscheide ich, welche Bücher ich vorlese, doch manchmal darf auch Töchterlein eine Geschichte auswählen. Letztens entschied sie sich für ein Buch, das sie von ihrer Oma geschenkt bekommen hat, das Einhorn Paradies.
Nach der oben zitierten ersten Seite musste ich allerdings abbrechen und meinen Mann bitten, weiterzulesen. Ich konnte es einfach nicht ertragen, mich weiterhin intellektuell vergewaltigen zu lassen.

Dabei liebe ich schwachsinniges Zeug eigentlich. Zusammen mit meiner Tochter habe ich jede einzelne Folge der neun Staffeln von My little Pony gesehen – und genossen. Ich kann den Titelsong auswendig singen! Ob Pinkie Pie oder Rainbow Dash, ich kenne sie alle und liebe sie über alles!

Doch es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen dem Original (My little Pony) und den vielen deutschen Copycats: Neben der Moral kommt die Ironie nicht zu kurz. My little Pony nimmt sich andauernd selbst auf die Schippe. Die kleinen Einhörner sind nicht – wie ihre Nachahmer – abstoßend lieb und nett, aber sie geben ihr Bestes – und treten dabei in diverse Fettnäpfchen.

Stets heißt es, dass das (Vor-)Lesen so wertvoll sei für die (positive) Entwicklung des Kindes, der Inhalt der Bücher scheint hier jedoch eine untergeordnete Rolle zu spielen. Dabei liegt es auf der Hand, dass ein Kind mehr von einer gut gemachten Serie hat als von einem sauschlechten Buch.

Nein, da können die glitzernden Auftragswerke deutscher Verlage nicht mithalten, bei deren Anblick im Bücherregel kleine Mädchen große Augen kriegen. So deutlich heben sie sich optisch von den wahren Kinderbuchperlen ab, dass Kästner, Lindgren, Dahl und wie sie alle heißen, völlig in den Hintergrund rücken.

Aber denkt dran, Freunde, es sind immer noch wir Eltern, die Kinderbücher kaufen – und wir machen denselben Fehler nicht zweimal!!!

Es sei denn, Oma streift mal wieder planlos durch Karstadt…

Doch selbst Oma lässt sich instruieren.

MM