Kurzgeschichte

Es gibt Leute, die keinerlei Lebensfreude ausstrahlen, was verwundert, weil man sie eigentlich für sehr glücklich hält. Da ist zum Beispiel diese modisch gekleidete Frau Anfang Vierzig, mit der ich notgedrungen immer mal ein paar Worte wechsle, weil unsere Töchter befreundet sind. Stehen wir vor ihrem Landhaus, in welchem gut und gerne vier Familien Platz hätten, öffnet sie langsam und vorsichtig die schwere Tür und lugt misstrauisch hervor. Erst wenn sie uns erkennt, drückt sie das Kreuz durch, verschränkt aber gleichzeitig ihre Arme fest vor der Brust, so als sei ihr kalt. In dieser Haltung verharrt sie, bis wir uns wieder verabschieden.

Weil sie wenig spricht und auch ich nicht so recht weiß, was sie hören will, frage ich immer nur: „Wie geht’s?“ und sie antwortet stets: „Ja, ganz gut.“ Dabei lächelt sie jedoch gequält und hat einen so leidenden Blick, dass ich das Gefühl habe, sie sei schwer krank, verheimliche dies aber, um niemanden mit ihrer Krankheitsgeschichte zu belasten. Tatsächlich fehlt ihr wahrscheinlich nicht das geringste. Sie fährt jeden Tag zur Arbeit, holt danach ihre Tochter von der Kita ab, bereitet das Abendessen zu, bevor sie mit ihrem Sohn die Hausaufgaben durchgeht. Vermutlich schläft sie sogar besser als ich.

Ganz anders ist Arjona, unsere polnische Putzfrau. Ich habe sie noch nie die Stirn runzeln sehen, nicht der kleinste Ansatz einer Zornesfalte zwischen ihren Augen. Immer lächelt sie und scheint sich über jede Kleinigkeit zu freuen. Ihre ebenmäßige Haut, ihre wachen Augen, ihr großer Mund, selbst das wirr vom Kopf abstehende Haar, alles an ihr strahlt. Einmal pro Woche besucht sie uns und danach strahlt auch unsere Wohnung in einem wunderbaren Glanz. Und wenn ich nach der Arbeit die Tür zu unserem kleinen Reich aufstoße, haut mich diese zauberhafte Aufgeräumtheit fast um. Mir geht das Herz auf, jedes Mal.
Wenn ich selbst putze, verschwindet zwar der Schmutz, aber strahlend rein wird die Wohnung nicht. Dieses Extra an Glanz kriegt nur Arjona hin, aber dafür arbeitet sie auch hart. Einmal konnte ich sie dabei beobachten, weil ich Urlaub hatte. Sie begann mit dem Wohnzimmer. War dieses aufgeräumt, geputzt und dekoriert, schloss sie die Tür und begann mit dem nächsten Zimmer. So arbeitete sie sich durch die gesamte Wohnung. Am Ende reinigte sie das Bad. Ich bot ihr an, das Radio einzuschalten, doch sie lehnte ab. Keine Musik.
Ihre Pausen hielt sie kurz. Sie stellte sich auf den Balkon und rauchte. Nie habe ich sie etwas essen oder trinken sehen. Dabei war sie über Stunden in unserer Wohnung zugange. Die Limonade, die ich ihr auf den Küchentisch stellte, rührte sie nicht an, auch das Mineralwasser wollte sie nicht haben. Auf ihrer Stirn bildeten sich schon kleine Schweißperlen, doch sie lächelte nur und schüttelte den Kopf: „Nein, danke.“ Nach fünf Stunden zog sie die Badezimmertür hinter sich zu, legte Make-Up auf und benutzte so viel Haarspray, dass die Wohnung noch am nächsten Tag nach ihr roch.

Woher die Sechzigjährige ihre Energie nimmt, ist mir ein Rätsel. Kaum ist sie mit unserer Wohnung fertig, hetzt sie zum nächsten Job, einer weiteren Wohnung in einem anderen Stadtteil. Tag für Tag legt sie fremde Kleidung zusammen, trägt fremden Müll zum Container, wischt fremde Zahnpastaspritzer von Badezimmerspiegeln. Meistens hinterlässt Arjona sogar Geschenke für die Kinder, polnische Schokoladentafeln, und für mich zwei, drei Rosen. Am späten Nachmittag finden wir die Gaben vor und uns beschleicht das schlechte Gewissen. Seit Jahren schon nimmt sie nur zehn Euro die Stunde und mehr zahlen wir auch nicht. Vielleicht eine Flasche Wein das nächste Mal, um uns zu revanchieren? Im Späti kaufen wir Obstwein aus dem Umland. Nächste Woche platzieren wir die Flasche neben dem Bargeld, das wir für sie im Flur hinterlegen.

Doch zuvor lasse ich frühmorgens meinen Schlüssel zu Hause liegen und stehe nach der Arbeit vor verschlossener Tür. Meinen Mann erwarte ich erst spät, so dass ich mit den Kindern draußen die Zeit totschlage. Wir gehen in die Bibliothek, danach zu Karstadt, wo wir stundenlang alle Spielzeuge in Augenschein nehmen, die das Kaufhaus zu bieten hat. „Das will ich und das und das auch noch!“ Die Kinder übertreffen sich in der Masse ihrer Wünsche. „Später“, antworte ich nur, oder: „Zu Weihnachten.“ Also wird eine schier endlos lange Weihnachtswunschliste zusammengestellt, bis Gesa die Blase drückt und wir uns nach ganz oben ins Restaurant begeben, wo auch die Toiletten sind. Zu guter Letzt schlendern wir zum Park und setzen uns auf eine Bank neben dem Rehgehege. Die Kinder werden schweigsam, warten erschöpft auf den Anruf ihres Papas „Ich bin zu Hause!“ Und wo seid ihr? In Gedanken male ich mir aus, wie ich ihm von unserem vollgestopften Nachmittag erzähle, das Missgeschick in Humor hülle. Die Dämmerung legt sich über den Park, es wird kalt. Wo bleibt Papa?, jammern die Kinder besorgt.

Endlich ruft er an, doch Patrick hat keine guten Nachrichten: Auch er steht vor verschlossener Tür, denn – wie der Zufall es so will – hat auch er keinen Schlüssel dabei. Er hat sich darauf verlassen, dass wir zu Hause sind. Ein Schrecken durchfährt mich. Die Kinder spüren meine Angst natürlich sofort und werden sofort weinerlich. Ich trage Gesa zum Parkplatz, Tobi versucht, mit mir Schritt zu halten.
Am Auto lehnend beratschlagen wir unser weiteres Vorgehen. Der einzige uns bekannte Mensch mit Werkzeugen, die Türen öffnen, ist verreist. Der Schlüsseldienst ist uns zu teuer. Patrick fällt ein, dass Arjona einen unserer Wohnungsschlüssel bekommen hat. Ich schöpfe Hoffnung, bin geradezu euphorisch: „Ruf sie an, ruf sie an!“, dränge ich. Doch sie nimmt nicht ab. Patrick wählt ihre Nummer wieder und wieder, bis sie sich endlich meldet.

„Patrick“, wiederholt er immer wieder. „Ich bin Patrick – Manteuffelstraße 126 – Tempelhof – genau – Patrick Wrobel – W-R-O-B-E-L – wir haben keinen Schlüssel – kommen nicht in unsere Wohnung rein – können wir vorbeikommen?“ Er spricht langsam und wiederholt seine Sätze bis zu fünfmal, als wäre Arjona zurückgeblieben. Irgendwann versteht sie und nennt ihm ihre Adresse. Wir müssen nach Neukölln, zum Glück nicht allzu weit entfernt, mit dem Auto höchstens zwanzig Minuten.
„Wahrscheinlich besoffen.“ Patrick steigt ins Auto, dreht den Zündschlüssel um. „Hat mich überhaupt nicht verstanden. ‚Was? Was? Was?'“, äfft er sie nach. „Ich dachte schon, sie legt auf, weil sie mich für irgendeinen Bekloppten hält.“ Die Straßen haben sich geleert, die Laternen leuchten bereits. Ich drehe mich zu den Kindern um, weil sie so still sind, doch sie schlafen nicht, sondern gucken mich nur mit großen Augen an. Wir parken in der Einfahrt zum Hinterhaus in der Hoffnung, dass es schnell geht. Arjona muss uns nur den Schlüssel geben, mehr nicht. Zu viert – die Kinder wollen nicht allein im Auto warten – suchen wir am Klingelschild ihren Namen. Uns wird bewusst, dass wir ihren Nachnamen gar nicht kennen. Eine Arjona ist jedenfalls nicht zu finden.
„Such‘ irgendwas Polnisches“, sagt Patrick, doch es gibt gleich mehrere Namen, die polnisch klingen. „Na schön“, seufzt er und zückt das Handy. „Die geht doch garantiert nicht ran.“ Trotzdem wählt er ihre Nummer. Nach einem kurzen Wortwechsel ertönt der Summer. Endlich stehen wir im dunklen Hausflur des Neuköllner Altbaus und tasten nach dem Lichtschalter. Die Kinder setzen sich auf eine mit Juteteppich ausgelegte Treppenstufe. Sie wollen nicht mehr laufen, schon gar nicht bis zum dritten Geschoss, wo aus Aljonas offenenstehender Tür Fernsehgeräusche klingen. Als wir uns durch Klopfen bemerkbar machen, erscheint sie auf wackligen Beinen im Türrahmen, grüßt uns herzlich lachend und drückt uns fest an sich. Aljonas Wohnung riecht vertraut nach Haarspray und Zigaretten, sie selbst nach Alkohol. Sie murmelt etwas auf Polnisch, dann sagt sie: „Kommt rein, kommt rein!“ Wir aber schütteln synchron die Köpfe: „Die Kinder. Sie warten unten.“ Aljona versteht und geht die Schlüssel holen. Eine Männerstimme erklingt aus dem Zimmer, in dem der Fernseher läuft. Sie spricht ebenfalls polnisch, scheint Aljona etwas zu fragen, doch sie antwortet nicht. Als sie endlich wiederkommt, überrreicht sie uns mehrere Schlüsselbunde, weil sie nicht mehr weiß, wo sich unser Wohnungsschlüssel verbirgt. Patrick geht einen nach dem anderen durch. Wieder sagt der Mann aus dem Fernsehzimmer etwas, diesmal lauter, genervt. Aljona dreht sich um und schreit zurück.
„Mein Sohn“, sagt sie entschuldigend. Sie lächelt noch immer, verdreht aber die Augen. Unruhig verlagert sie das Gewicht von einem Bein aufs andere. Dann lugt ein Kopf aus dem Fernsehzimmer, ein Glatzkopf, um genau zu sein. Er muss sich am Türgriff festhalten, um nicht umzukippen. Gereizt blickt er uns an, so dass ich ein schüchternes „Dobry Dzień“ hervorpresse.
„Das Bier ist alle“, sagt er zu seiner Mutter. „Du hast das ganze beschissene Bier ausgetrunken.“
Aljona antwortet auf Polnisch, auch sie klingt nun verärgert, bemerkt kaum, dass Patrick ihr die Schlüssel zurückgibt. Unseren umschließt er in seiner Faust. „Tschüß, bis nächste Woche“, sagen wir, als wir schon auf der ersten Treppenstufe stehen. Wir blicken uns kurz um, doch Aljona sieht uns nicht nach. Sie steht immer noch mit dem Rücken zu uns im Türrahmen und redet auf den Glatzkopf ein. Ihre Stimme wird immer lauter und kratziger.

MM