In letzter Zeit habe ich häufig an die Möglichkeit eines anderen Lebens gedacht. Nicht dass ich unzufrieden mit meinem jetzigen wäre, nein! Ein besseres Leben als mein eigenes kann ich mir kaum vorstellen. Bloß, dieser Typ hat mich nachdenklich gemacht.

Ich treffe ihn täglich auf der Arbeit, besser gesagt kurz zuvor: in der Tiefgarage. Er arbeitet im gleichen Bürokomplex. Deshalb stellt er sein Auto in derselben Tiefgarage ab wie ich. Dort treffe ich ihn fast jeden Morgen kurz vor acht. Sein Stammparkplatz ist nicht weit entfernt von meinem und so trotten wir gemeinsam zum Aufzug, warten, bis sich die Tür öffnet, und fahren zusammen hinauf. Ich in den ersten Stock, er weiter. Wohin, weiß ich nicht. Überhaupt weiß ich nicht viel über ihn, nicht einmal seinen Namen. Ich schätze ihn auf Anfang Vierzig, wahrscheinlich weil ihm die Haare ausgehen. Er ähnelt deshalb ein wenig Prinz William. Dieselbe Frisur, ähnliche Haarfarbe. Nur sein Gesicht ist viel schmaler. Auch von der Größe her ist er wenig britisch. Er ist riesig, bestimmt zwei Meter groß, und schlaksig. Ich bin immer wieder verblüfft, wenn ich Männer seines Alters kennen lerne, deren Bäuche sich nicht über den Hosenbund wölben.

Seitdem der Unbekannte und ich dieses morgendliche Ritual teilen, kann ich es kaum erwarten, aus dem Haus zu kommen und zur Arbeit zu fahren. Ich brauche eine knappe halbe Stunde, wenn nicht gerade wieder einer vor mir verunfallt ist, und bin die ganze Zeit über unglaublich nervös. Dabei freue ich mich tierisch und gleichzeitig komme ich mir bescheuert vor, weil ich eine Chimäre anhimmle.

In der Tiefgarage angekommen, halte ich auch sofort Ausschau nach seinem roten Auto, und wenn ich es nicht sehe, warte ich noch fünf Minuten. Ist er dann immer noch nicht da, ist der Tag für mich gelaufen. Doch sehe ich sein Auto und wie er darinsitzt oder gerade im Begriff ist, auszusteigen, werde ich fast verrückt vor Freude. Er steigt also aus und ich steige ebenfalls aus, wir laufen zum Aufzug. Dort grüßen wir uns mittlerweile sogar und lächeln einander an. Im Aufzug schweigen wir zwar, aber ich kann mir sicher sein, dass diesen Tag nichts trüben kann.

Ich habe gehofft, dass er mich irgendwann anspricht. Ihn anzusprechen, habe ich mir verboten. Ein Lächeln ist Initiative genug. Schließlich bin ich verheiratet. Er übrigens auch, wenn ich den goldenen Ring an seinem Finger richtig deute. Aber das muss nicht gegen einen kleinen Flirt sprechen, oder? Bislang verharrt unsere Konversation jedoch beim Hallo. Er ist clever. Hat sein Gedankenkarussell angestoßen und rechtzeitig bemerkt, dass wir uns in einer Sackgasse befinden. Ich kann mir denken, was ihm durch den Kopf geht: Dass es schwierig ist, so einen Seitensprung zu… organisieren. Zum Beispiel die Sache mit unserem ersten Kuss. Statt viele Worte zu verlieren, könnte ich ihn doch ganz spontan zu küssen. Doch ich reiche ihm nicht einmal bis zur Brust. Demnach wäre ich von seiner Güte abhängig, sich zu mir herunterzubeugen und mich zu küssen. Ich müsste ihn daher vorher fragen, ob er mir die Ehre erweist, mich zu küssen, was er mit Sicherheit ablehnen würde, weil er von der oben erwähnten Sackgasse weiß, die ich im Folgenden zu erklären versuche.

Unser Gedankenkarussell dreht sich weiter, auch wenn das mit dem näheren Kennenlernen noch nicht geklärt ist. Gehen wir über zum Sex. Wenn wir uns erst einmal geküsst haben, werden wir wahnsinnig scharf aufeinander sein und in die Kiste springen wollen. Doch wo? In Filmen finden Seitensprünge oft im Hotel statt. Vielleicht wäre das durchaus eine Option, wenngleich ich in näherer Umgebung keine Hotels kenne. Und wenn wir nach Hause fahren – vielleicht in der Mittagspause? -Dann würde ich ungern in meinem Ehebett mit ihm schlafen wollen. Das riecht ja nach meinem Mann und nachher müsste ich es frisch beziehen. Dieser Aufwand würde mich einen halben Urlaubstag kosten. Das Gästebett wiederum ist zu schmal. Darin kann man sich nicht austoben. In sein Ehebett will ich auch nicht unbedingt, ja nicht einmal in sein Haus, wo möglicherweise noch das Spielzeug seiner Kinder herumliegt.
Mir fällt Frau Süß ein, eine Frau aus meinem Ort, die einen Liebhaber hatte, der so dämlich war, seinen Wagen vor ihrer Haustür abzustellen, während er sich drinnen mit ihr vergnügte. Derweil fuhr seine Frau zur Arbeit und kam am Haus von Frau Süß vorbei, sah das Auto ihres Mannes und klingelte. Nicht lange danach ließ sie sich von ihm scheiden. Manchmal sehe ich sie noch zusammen auf dem Parkplatz vorm Supermarkt stehen, Frau Süß und ihren Liebhaber. Und wie ich sie da so stehen sehen, kommt mir unweigerlich das Wort „erbärmlich“ in den Sinnen. Glücklich wirken sie nicht gerade. Vermutlich langweilt er sie mit Unterhalts- und Sorgerechtsgeschichten. Er hat bestimmt gehofft, nun sei die Bahn frei für eine neue Beziehung, und zwar der zu seiner wahren Liebe. Doch Frau Süß denkt gar nicht daran, sich von ihrem Mann zu trennen. Sie hat die Chance auf ein anderes Leben ausgeschlagen, während ihr Liebhaber es unfreiwillig lebt. Nun, immerhin sind sie mir mindestens einen Schritt voraus. Sie hatten ihren Spaß.

Wenn mich der Typ am Aufzug eines gelehrt hat, dann wie unmöglich ein anderes Leben für mich ist. Es sei denn, ich spreche ihn an – auf eine unverbindliche, aber kecke Art und Weise.

Als ich ihn das nächste Mal am Aufzug stehen sehe, klopft mir das Herz bis zum Hals. Ich schaffe es kaum, einen Fuß vor den anderen zu setzen, so aufgeregt bin ich. Die Tür geht auf und ich schlüpfe gerade noch in den Aufzug hinein. In der ersten Etage habe ich immer noch nichts gesagt. Deshalb weigere ich mich, auszusteigen. Er sieht mich kurz von der Seite an. Da ergreife ich das Wort:

-Nun sag es schon!
-Wie bitte?
-Sprich aus, was dir auf der Zunge liegt!
-Ich verstehe nicht…
-Liegt dir denn nichts auf dem Herzen?
-Nein. (Er lacht verlegen.) Nein, ich habe nichts auf dem Herzen. Wirklich nicht.

Im dritten Stockwerk steigt er aus, ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen, während ich im Aufzug stehenbleibe, als sei ich festgewachsen. Vom folgenden Tag an richte ich es so ein, dass ich erst Viertelneun in die Tiefgarage rolle. Unser Ritual gehört der Vergangenheit an.

Ein Gedankenspiel. Natürlich erspare ich mir diesen peinlichen Moment und verbiete mir das Wort. Ich freue mich immer noch, ihn zu sehen, vor allem seitdem ich seine Stimme gehört habe. Kürzlich wurde er angerufen, als wir zusammen vorm Aufzug warteten. Wie angenehm und diese Wortwahl, phänomenal! Doch meine Freude ist längst nicht mehr so explosiv wie am Anfang unserer… Beziehung. Mir ist, als hätte er mich verraten.

MM