Für ein Kind ist ein Dreizehnjähriger bereits alt, ein Dreißigjähriger uralt und die Großeltern eine ganz neue Kategorie Mensch. Die kindliche Sicht entspricht den Tatsachen. Du bist nicht erst dann alt, wenn du in den Spiegel schaust und dein zerfurchtes Antlitz kaum wiedererkennst. Der Verfall des Körpers setzt ja auch nicht erst mit Siebzig ein.

Als ich zwanzig war, wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich alt bin. Zu alt für meine Lieblingsdisco, ein Zirkuszelt mit betonierter Tanzfläche, die groß genug war, um sich darauf richtig auszutoben. Fast jedes Wochenende war ich dort, obwohl wir einen weiten Weg hatten über die Dörfer. Bevor ich selbst einen Führerschein hatte, ließ ich mich von den älteren Jungs in meinem Freundeskreis mitnehmen. Später chauffierte ich sie in ihren eigenen Autos, damit sie sich besaufen konnten. An Alkohol hatte ich kein Interesse, aber am Tanzen. Wenn man das Tanzen nennen konnte. Es war wohl eher Sport. Zusammen mit meiner Freundin bewegte ich mich rhythmisch zur Musik. Meistens sprangen wir hin und her und wedelten wild mit den Armen, bis wir schweißnass waren. Wir setzten uns trotzdem nie hin, egal wie fertig wir waren, denn Hinsetzen hätte sofortiges Einschlafen zur Folge gehabt. Das Zelt war eine Teenie-Disco. Nicht dass es sich selbst so bezeichnet hätte, aber es gingen eben nur Teenager hin. Mit zwanzig gehörte man dort zum alten Eisen und auch wenn ich es heute für völlig unmöglich halte, ich konnte den Altersunterschied sehen.

Wenige Jahre später zog ich mit meinem Mann nach Berlin. Obwohl ich mich zu alt dafür fühlte, erkundeten wir das dortige Nachtleben. Die Discos hier hießen Clubs und hatten Türsteher, die tatsächlich aussortierten. Als Frau musste ich mir eigentlich keine Sorgen machen, aber ich stand trotzdem mit einem unguten Gefühl in der Schlange. In den Clubs gab es kaum Teenager, dafür umso mehr Leute, die so alt waren wie ich. Die Frauen trugen kurze Kleider und Stöckelschuhe. Im Zirkuszelt hatten meine Freundin und ich immer Joggingschuhe an, um besser herumspringen zu können. In Berlin trat man mir mit Stilettos auf die Füße. Alles in allem waren die hiesigen Clubs so, wie ich sie mir vorgestellt hatte: Gar nicht nach meinem Geschmack. Ich vermisste das Zirkuszelt, aber gleichzeitig wusste ich, dass ich mich dort nun auch nicht mehr wohlfühlen würde. Eine neue Zeit war angebrochen und die alte definitiv vorbei.

Mitte Zwanzig war ich, als ich mein erstes Kind bekam, und wieder wurde mir klar, dass ich alt bin. Diesmal lag es an den Blicken. Ich war es gewohnt, bemerkt zu werden, nun aber war ich unsichtbar geworden. Ne Kinderwagenmutti. Egal wie kurz die Röcke waren, die ich trug, niemand nahm sie mehr zur Kenntnis. Ich wollte nicht flirten, verstehst du? Ich hatte ja schon einen Mann. Ich wollte nur gesehen werden, aber die Kerle guckten an mir vorbei. Die einzigen Blicke richteten sich in den Kinderwagen. Es waren die Blicke der anderen Frauen, zumeist älterer.

Die dritte Kränkung ließ ein paar Jahre auf sich warten. (Mit Sicherheit gab es zwischendurch noch ein paar, die nicht so einschneidend waren. Der stete Rückgang meiner Energiereserven zum Beispiel. Nach einer Stunde Sport bin ich fix und fertig. Das war früher anders. Allein, das Wort früher zu verwenden, wäre früher undenkbar gewesen.) Mein Mann schnarcht. Mal leiser, mal lauter, doch es vergeht keine Nacht, ohne dass er schnarcht. Bis vor Kurzem war ich überzeugt davon, dass wenigstens dieser Kelch an mir vorbeigehen oder zumindest lange auf sich warten lassen würde. Aber er schnarcht bereits mit Mitte Dreißig. Wenn er schnarcht, sage ich zu ihm: Dreh dich mal auf die Seite. Und weil er zu den Menschen gehört, die selbst im Tiefschlaf noch Befehlen gehorchen, dreht er sich um und schnarcht weiter. Wenn es unerträglich wird, verlasse ich das Schlafzimmer und versuche, im Kinderzimmer unterzukommen. Auf der Gästematratze. Aber meistens kann ich trotzdem nicht wieder einschlafen, starre ins Dunkel und denke darüber nach, dass ich an einen Punkt gelangt bin, an dem ich nie anlangen wollte. Ich passiere Wegstrecken, die gar nicht vorgesehen waren in meinem Leben. Nicht dass ich irgendwas geplant hätte. Aber ich war trotzdem optimistisch, dass es anders laufen würde.

Ich höre sein Schnarchen auch durch die Wand hindurch. Oder bilde ich mir das ein? Ich lausche. Ja, ich höre es! Jetzt höre ich es ganz deutlich. Das Ticken des Weckers stört mich auch. Ich stehe auf, taste nach der Kinderuhr, finde sie und trage sie aus dem Zimmer. Dann lege ich mich wieder auf die Gästematratze und warte auf den Schlaf, der nicht kommen will. Wieder stehe ich auf. Diesmal stelle ich mich ans Fenster. Mir ist, als habe ich ganz in der Nähe Motorengeräusche gehört, doch draußen ist nichts los. Keine Autos, keine Passanten, nichts. Man könnte glauben, Berlin sei ein Dorf. Mein Sohn seufzt im Schlaf. Ich küsse ihn auf die Wange und betrachte sein kleines Gesicht. Ich wünschte, ich könnte so schlafen wie er. Dann setze ich mich in die Küche und trinke ein Glas Wasser. Auch in der Küche höre ich ihn schnarchen, leise zwar, aber immer noch deutlich genug.

So geht das nun jede Nacht. Zwischen zwei und drei Uhr wache ich auf, bitte meinen Mann, sich umzudrehen, weil er schnarcht, aber er schnarcht trotzdem weiter. Meine Wanderschaft beginnt. Erst zum Kinderzimmer, dann ins Wohnzimmer, schließlich in die Küche, wo ich sitzenbleibe. Eigentlich könnte ich die Zeit für etwas Sinnvolles nutzen, aber ich kann nicht anders, als mich auf das Schnarchen meines Mannes zu konzentrieren. Mit jedem geräuschvollen Atemzug wird mein Unbehagen größer.

Mein Mann benutzt mir zuliebe Nasenspray – und tatsächlich, es hilft! Doch sobald das Nasenspray aufgebraucht ist, fängt er wieder an zu schnarchen. Schließlich lege ich mich gar nicht mehr ins Ehebett, sondern gehe gleich ins Kinderzimmer, um dort zu schlafen. Die Müdigkeit zermürbt mich, während meine Kinder behaupten, nichts zu hören. Papa schnarcht doch gar nicht! Mein Mann zieht die Augenbrauen hoch, als wolle er sagen, Siehst du!. Nachts lausche ich so lange, bis ich ihn schnarchen höre. Um mich von der Echtheit seines Schnarchens zu überzeugen, gehe ich zum Schlafzimmer, öffne die Tür und bleibe minutenlang im Türrahmen stehen. Eine Weile ist es ganz still. Ich glaube, er hat mich bemerkt. Doch dann schnarcht er wieder so laut, dass ich zusammenzucke. Es klingt, als würde er ersticken, dieses Röcheln und Kratzen in der Kehle. Als ich in die Küche gehe, um etwas zu trinken, zittern meine Oberschenkel. Ich möchte weinen, halte die Tränen im letzten Moment aber zurück. Zu schnarchen, ist nicht ungewöhnlich. Es ist nichts, worüber die Leute viel Aufhebens machen. Das Schnarchen ist eine Anekdote, die man mit einem Augenzwinkern erzählt. Da hat sie mich wieder in die Rippen gestoßen! Meine Güte, man kann aber auch nie in Ruhe schlafen. Wer da heult, ist verrückt. Abgesehen davon hilft es ja nichts. Vielleicht gewöhne ich mich daran und höre es irgendwann gar nicht mehr. Ich warte.

Doch das Warten bringt keine Besserung. Im Gegenteil, ich werde immer empfindlicher. Nun wird mir übel, wenn ich sein Schnarchen höre. Mein Herz rast, meine Ohren dröhnen und ich gehe vorsichtshalber zur Toilette, falls ich mich übergeben muss. Ich weiß nicht, wie ich es beenden soll. Mein Herzschlag verlangsamt sich nicht. Die Angst bleibt. Vielleicht sollte ich ausziehen. Ich träume von einer eigenen kleinen Wohnung.

-Erst wenn das Schnarchen aufhört, kann ich schlafen. Es muss ganz still sein. Auch der Wecker darf nicht zu hören sein und nicht die Musik vom Nachbarn. Ich kann das nicht mehr ertragen. Ich bin… verrückt geworden, ausgetickt. Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Ich brauche ein Beruhigungsmittel. Ja, es wäre schön, wenn Sie mir ein Beruhigungsmittel verschreiben könnten.

-Ich denke, das Problem liegt eher an Ihren Ohren. Möglicherweise ist Ihr Hörnerv geschädigt und Sie nehmen bestimmte Frequenzen anders wahr.

-Aber meine Kinder -hören nichts. Nichts! Ich bin die einzige, die das Schnarchen hören kann. Es ist nicht normal! Ich bin nicht mehr normal.

-Sie bilden sich die Geräusche nur ein?

-Ich weiß es nicht. Er schnarcht. Natürlich schnarcht er. Aber im Nebenzimmer ist es kaum wahrnehmbar und trotzdem höre ich es und fühle mich wahnsinnig gestört dadurch.

-Verstehe.

-Ich will einfach mal wieder entspannt sein. So entspannt wie die Kinder. Ein Beruhigungsmittel würde mir guttun, da bin ich mir sicher.

-Es spricht viel dafür, dass Sie an Hyperakusis leider, einer Geräuschüberempfindlichkeit. Trotzdem würde ich Sie gerne noch zum HNO-Arzt überstellen, um auszuschließen, dass Erkrankungen des Innenohrs vorliegen. Eine Hyperakusis kann therapiert werden. Ob dafür Beruhigungsmittel eingesetzt werden müssen, bleibt abzuwarten.

-Aber was hilft dann? Ich meine, kurzfristig?

 

Statt Beruhigungspillen bekomme ich die Telefonnummer einer Psychologin, mit der ich einen Termin vereinbaren soll. Ich suche ihre Praxis im Internet und erfahre, dass ich eine halbe Stunde mit der U-Bahn fahren und zehn Minuten laufen muss. Eine Dreiviertelstunde hin, eine Dreiviertelstunde zurück, dort kommt mindestens eine Stunde hinzu, vielleicht auch zwei. Drei Stunden vom Tag sind weg. Jede Woche. Und was mache ich derweil mit den Kindern? Ich kenne niemanden, den ich einspannen könnte. Als ich mich schließlich doch dazu durchringe, anzurufen, bekomme ich erst in sechs Monaten einen Termin. Einerseits bin ich erleichtert. Andererseits bedeutet das, ein halbes Jahr länger auf mein Beruhigungsmittel zu warten.

Abends greife ich mir die Flasche Wein, die ich zum Geburtstag geschenkt bekommen habe. Mein Mann zieht den Korken, aber er trinkt nur einen kleinen Schluck. Er mag keinen Wein und um ehrlich zu sein, mag ich ihn auch nicht, aber als Beruhigungsmittelersatz taugt er ganz gut. Eine halbe Flasche später schlafe ich auf dem Sofa ein und zum ersten Mal seit Wochen schlafe ich länger als drei Stunden. Am nächsten Morgen steigt ein klein wenig Euphorie in mir auf. Jetzt sitzen wir allabendlich vorm Fernseher. Ich nippe an meinem Weinglas und warte auf den Schlaf. Meine Bettwäsche liegt schon auf der Sofalehne. Hin und wieder unterhalten wir uns über Logikfehler in den Serien, die wir gucken. Manchmal bringe ich das Gespräch auch auf die Kinder, selten jedoch auf uns.

-Die Schuhe sind uns zu groß, weißt du.

-Welche Schuhe?

-Die wir uns angezogen haben. Wir passen da einfach nicht rein.

-Ich weiß immer noch nicht, welche Schuhe zu meinst.

-Das ist eine Metapher für unser Leben.

-Aha.

-Das ist alles, was du zu sagen hast?

-Ich weiß echt nicht, was du von mir willst.

-Wir sind da nur so reingerutscht in dieses Leben. Es passt eigentlich gar nicht zu uns.

-Wenn du meinst.

-Was meinst du denn?

-Ich meine, dass alles in Ordnung ist. Ich mag unser Leben. Aber wenn du sagst, dass es nicht passt, dann wird es wohl so sein, Schatz.

 

Niemand sonst hört ihn schnarchen. Insofern gibt es auch kein Problem. Ich sage den Termin bei der Psychologin ab, hatte ohnehin keine Lust mit jemandem darüber zu reden. Die Pillen hätte ich allerdings schon gern, aber vielleicht bekommt man die auch anderweitig.

Ein Bekannter von uns hat sich das Leben genommen, nachdem er die Diagnose für eine unheilbare Krankheit bekommen hatte. Ein paar Tage nach seinem Arztbesuch fuhr er nach Marzahn und sprang von einem Hochhaus. Es ist, als habe er nur auf einen Anlass gewartet.

Neulich habe ich meinen Vater getroffen. Ich saß in der S-Bahn, als er am Hauptbahnhof zugestiegen ist. Was für ein Zufall! Wir umarmten uns und er erzählte ein wenig von seinem Termin, der ihn nach Berlin verschlagen hatte. Dann schaute er mich fragend an: Fünfunddreißig bist du jetzt, nicht wahr? Was für ein schönes Alter! Vielleicht das beste überhaupt. Es klang wie eine Drohung.

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